Spiral Dynamics ist ein Modell zur Beschreibung der Entwicklung menschlicher Bewusstseinsebenen und Wertesysteme. Es basiert auf den Arbeiten von Clare W. Graves und wurde von Don Beck und Christopher Cowan weiterentwickelt. Trotz seiner Popularität in bestimmten Kreisen steht es erheblicher Kritik gegenüber.
Vorwurf: Unwissenschaftlichkeit
Ein zentraler Kritikpunkt lautet, dass Spiral Dynamics nicht den Standards wissenschaftlicher Forschung genügt. Clare W. Graves war Professor für Psychologie am Union College in Schenectady, New York. Seine Hauptforschungsphase, in der er die Grundlagen für sein Modell legte, erstreckte sich über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren – von den späten 1950er bis in die späten 1970er Jahre. Hunderte seiner Studierenden sowie andere erwachsene Probanden wurden mittels offener Fragen zu ihren Werten, Überzeugungen, ihrer Motivation, ihren Vorstellungen vom „reifen Menschen“ und dazu, wie sie mit Problemen umgehen würden, befragt. Die Probanden sollten hierzu Essays verfassen. Ein Teil der Probanden wurde über Jahre hinweg wiederholt befragt. Graves analysierte die Antworten und Verhaltensweisen, um Muster in der Art und Weise zu identifizieren, wie Menschen ihre Realität konstruieren und auf ihre Umwelt reagieren. Er suchte nach wiederkehrenden „Levels of Existence“ oder „Value Systems“.[1] Das von ihm im Laufe der Zeit entwickelte Doppelhelix‑Modell entstand induktiv aus den beobachteten Mustern.
Ein Großteil seiner Arbeit wurde zu seinen Lebzeiten nicht umfassend publiziert. Seine Erkenntnisse wurden jedoch in umfangreichen Manuskripten, Vorlesungsnotizen und internen Papieren am Union College festgehalten und postum veröffentlicht.[2] Insbesondere seine Schüler Don Beck und Christopher Cowan entwickelten seinen Ansatz zum heute bekannten Spiral‑Dynamics‑Modell weiter.[3] Hierbei beziehen sie sich ausdrücklich auf die Arbeiten von Graves – in der Tat jedoch eher anekdotisch und nicht für ein wissenschaftliches Fachpublikum aufbereitet. Der Fokus liegt seither auf der Anwendung in der Praxis, insbesondere in Politik und Wirtschaft. Der Schwerpunkt in der Anwendung von Spiral Dynamics liegt weniger im Anspruch auf „Wahrheit“ im streng erkenntnistheoretischen Sinne, sondern in einer – im Vergleich zu anderen Konzepten – dynamischeren und stärker prozessorientierten Differenzierung für kultur‑ und psychosensible Arbeit mit Menschen in Organisationen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Abgesehen von bekannten Weiterentwicklungen wie Teal Organizations (Frederic Laloux) und dem AQAL‑Modell (Ken Wilber) gibt es derzeit nichts Vergleichbares, das eine angemessene Tiefe bei gleichzeitiger Praktikabilität liefert.
Der Einwand, dass die Konzepte von Spiral Dynamics so vage und flexibel seien, dass sie kaum widerlegt werden können, bleibt freilich bestehen. Dies trifft jedoch auf eine Vielzahl in der Managementpraxis gängiger Modelle zu, wie sie seit Jahrzehnten vor allem von Unternehmensberatungen verwendet werden und die ebenfalls keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Kommunikationstrainer hantieren seit Jahrzehnten mit dem aus der Nachrichtentechnik entlehnten Sender‑Empfänger‑Modell, das zur Erklärung zwischenmenschlicher Kommunikation vollkommen ungeeignet ist. Beliebt – und dennoch ebenso wenig wissenschaftlich wie Spiral Dynamics – sind die Maslowsche Bedürfnispyramide, das VAK‑Modell, der Myers‑Briggs‑Typenindikator, die SWOT‑Analyse und zahlreiche Modelle zur Markenführung.
Rassismus‑Vorwurf
Das größte Missverständnis besteht darin, dass in Spiral Dynamics eine feste Zuordnung von Individuen, Gruppen oder Kulturen zu bestimmten Farben bzw. Value‑Memes erfolge. Genau das ist nicht der Fall! Jeder Mensch, jedes soziale System verfügt über das Potenzial aller Value‑Memes. Es sind die jeweiligen Lebensumstände und Herausforderungen, die dazu führen, dass jeweilige Value‑Memes stärker oder schwächer zum Ausdruck kommen. Dabei ist keines dieser acht (in manchen Veröffentlichungen neun) Value‑Memes per se besser oder schlechter. Wer aus der Spirale eine (womöglich noch identitäre) Hierarchie herausliest, hat Spiral Dynamics nicht im Ansatz verstanden. Es gibt kein „Oben“ oder „Unten“, auch wenn die Spirale als Modell rein visuell freilich ein Oben und Unten zeigt. Hier verhält es sich wie mit einer Landkarte: Eine solche hat ebenfalls ein Oben und Unten; niemand käme jedoch auf die Idee, dieses Oben und Unten auf das dargestellte Gebiet zu übertragen. Die in der Spirale unten gezeigten Memes sind entwicklungsgeschichtlich älter, die oberen jünger. Die Entwicklung ist dynamisch und erfolgt in beide Richtungen. Genau das zu begreifen, ist der Wesenskern von Spiral Dynamics. Eine implizite Wertung ist dennoch nicht zu vermeiden, denn die Ausprägung jüngerer Value‑Memes wird von Anwendern zwangsläufig auch als „fortschrittlicher“ betrachtet. Dass „fortschrittlicher“ jedoch nicht zwangsläufig „besser“ bedeutet, wird in der Spiral‑Dynamics‑Literatur immer wieder betont.
Als ich in meiner Freimaurerloge einen Vortrag über Spiral Dynamics hielt und darauf hinwies, dass das Misslingen des „Exportierens der westlichen Demokratie“ in den Irak, nach Afghanistan oder in afrikanische Länder mit Verständnis dieses Modells nicht verwundert, weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen gar nicht gegeben sind, wurde ich mit genau jenem eurozentrischen Rassismus‑Vorwurf konfrontiert. Es habe ja vor der Kolonialisierung Afrikas vergleichsweise hoch entwickelte Königreiche gegeben. Ich entgegnete, dass durch eben jene Kolonialisierung durch europäische Mächte z. B. „höher entwickelte“ Value‑Memes vernichtet wurden und die Menschen durch Versklavung und Zerschlagung der Königreiche in Lebensumstände gezwungen wurden, die sie auf Value‑Memes früherer Entwicklungsräume zurückwarfen.
Ich behaupte, dass man mit einem tieferen Verständnis von Spiral Dynamics eigene rassistische Strukturen wirksamer überwinden kann als mit jedem anderen mir bekannten Reflexionskonzept.
Was Spiral Dynamics jedoch in der Tat ermöglicht und sogar implizit „fordert“, ist eine differenzierte Kommunikationsweise mit Menschen, wenn man so will also eine Value‑Meme‑spezifische „Behandlung“, was freilich dem Prinzip der Gleichbehandlung entgegensteht. Ein Beispiel, das deutlich macht, dass dies nichts mit Rassismus zu tun hat – vorausgesetzt, es wird richtig angewendet: Ein Lehrer steht vor einer Klasse. Die Disziplin lässt zu wünschen übrig. Im Lehrplan steht das Prinzip der Gewaltenteilung in der Bundesrepublik. In der Klasse sitzen Kinder von Geflüchteten (auch aus sehr gebildeten Elternhäusern), Kinder aus Elternhäusern mit überforderten alleinerziehenden Müttern, Kinder mit gewalttätigen Vätern, Kinder mit sehr religiösen Eltern und Kinder mit Erfahrungen in kriminellen Umfeldern. Nehmen wir an, der Lehrer kennt die Hintergründe der Elternhäuser nur wenig; dafür ist er mit Spiral Dynamics vertraut. Damit bringt er gute Voraussetzungen mit, die jeweiligen Kinder eben nicht nach Aussehen, Herkunft oder bisherigen schulischen Leistungen bzw. bisherigem Betragen zu behandeln, sondern weitgehend vorurteilsfrei – weil er weiß, dass – auch abhängig von Tagesform sowie vorherigen Erlebnissen zu Hause oder auf dem Schulhof – jedes Kind aktuell durch ein anderes Value‑Meme „ergriffen“ sein kann. Einmal spielt die Religion eine große Rolle, dann wieder die Erfahrung im Kiez, der eigene Status im Klassenverband usw. Ein Schüler, der den Lehrer nicht als Autorität anerkennt, weil dieser in seinen Augen ein Schwächling ist, verhält sich aus dem roten Value‑Meme heraus, während ein moralisch‑religiös argumentierender Schüler gerade im blauen Value‑Meme „unterwegs“ ist. Das Ganze kann sich in Sekunden ändern. Der Lehrer kann nur „im Spiel“ bleiben, wenn er in jedem Moment zum jeweiligen Schüler durch entsprechende Value‑Meme‑Kommunikation den Kontakt aufrechterhält bzw. wiederherstellt. Ist er ausschließlich im grünen Value‑Meme unterwegs und versucht, Verständnis für alle aufzubringen, um sie gleich zu behandeln, ist er in dieser Klasse auf verlorenem Posten und erreicht – wenn überhaupt – nur ein bis zwei Schüler und das auch nur für wenige Minuten. Das Prinzip der Gewaltenteilung in der Bundesrepublik ist auf diese Weise sicher nicht adäquat vermittelt worden.
Rassistisches Denken hat (proto)geschichtlich seinen Ursprung im zweitältesten Value‑Meme (Purpur): Das Wir‑Gefühl in einer (Stammes‑)Gemeinschaft wird durch die Grenzziehung Wir/Die Anderen immer wieder aktualisiert, spirituell aufgeladen und erzeugt magische Gemeinschaftserlebnisse als konstituierende Identitäts‑ und Kraftquelle. Dieses Prinzip wohnt in uns allen, ist jedoch unterschiedlich tief ins Unterbewusste abgedrängt. Unter modernen Lebensumständen wird das – unterschiedlich stark ausgeprägte – Bedürfnis danach mitunter unzureichend erfüllt, etwa während der Corona‑Zeit. Weiter verstärkt wird (proto)rassistisches Denken und Handeln im drittältesten Value‑Meme (Rot), indem sozialdarwinistische Kampfmotive hinzukommen. Jedoch erst mit dem blauen Value‑Meme findet Rassismus durch religiöse bzw. ideologische Welterklärungsprinzipien eine pseudo‑rationale Rechtfertigung und manifestiert sich als vermeintlich „richtiges gottgegebenes Verhalten“; im Ergebnis führt dies zu Kolonialpolitik und Sklaverei. Selbst mit der Aufklärung und der allmählichen Verdrängung von Religion durch Wissenschaft mit Ausbreitung des orangefarbenen Value‑Memes bleibt Rassismus erhalten. Nur langsam sickert die Einsicht durch, dass universelle Menschenrechte für alle gleichermaßen gelten. Erst mit dem grünen Value‑Meme erfolgt ein ernst gemeinter Versuch, strukturellen Rassismus zu überwinden. Dass dieser Prozess längst nicht abgeschlossen ist, zeigt sich darin, dass bei diesem Versuch rassistische Denkmuster in den Schatten abgedrängt weiter überleben und sich mitunter „durch die Hintertür“ einschleichen. Von daher verwundert es nicht, dass der Rassismus‑Vorwurf insbesondere aus dem grünen Value‑Meme erhoben wird – wie überhaupt die Ablehnung von Spiral Dynamics wegen seiner vermeintlichen Neohierarchisierung (das „Oben“ und „Unten“ in der Abbildung der Spirale) dort besonders stark ausgeprägt ist. Erst mit dem „Erwachen“ (zum Esoterik‑Vorwurf komme ich gleich) des gelben Value‑Memes erfolgt eine Anerkennung und Versöhnung mit allen älteren Value‑Memes und somit auch ein Reframing von allem, was zuvor als „zu überwindende Hierarchie“ abgelehnt wurde.
Esoterik‑Vorwurf
Der Vorwurf der Esoterik ist teilweise mit dem Vorwurf der Un‑ bzw. Parawissenschaftlichkeit verbunden. Diesen Vorwurf muss sich letztlich jede Theorie gefallen lassen, deren Prämissen sich nicht mit empirischen Methoden belegen lassen. Das gilt – streng genommen – auch für viele qualitative Erhebungsmethoden der Sozialwissenschaften. So gelten aus naturwissenschaftlicher Sicht bisweilen auch Postcolonial und Gender Studies als unwissenschaftlich. Blickt man hingegen in die Wirtschaftswissenschaften, finden sich ebenfalls zahlreiche Theorien, die – bei Lichte besehen und jenseits von Ideologie – deutlich esoterische Züge tragen.
Nun betrachtet Spiral Dynamics auch Lebens‑ und Gedankenwelten, die voraufklärerischer Natur und dennoch hochgradig orientierend und handlungsleitend sind. Um diese zu beschreiben, greifen die Erläuterungen des Modells auf eine prärationale Sprache zurück. Aufklärung und Wissenschaft im heutigen Sinn sind Errungenschaften des fünften (orangefarbenen) Value‑Memes. Ausschließlich alle älteren Value‑Memes aus der Warte dieses Value‑Memes zu betrachten und zu beschreiben, griffe zu kurz und wäre genau das, was manche Kritiker Spiral Dynamics vorwerfen: eine aus einer bestimmten kulturellen Prägung heraus vorgenommene Analyse älterer bzw. anders strukturierter Phänomene.
Und nun weiter: Entwicklungen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vornehmlich in westlichen Industrieländern (aufgrund der wirtschaftlichen und kulturellen Lebensbedingungen, in weit geringerem Maße auch der Bildungsbedingungen) auftraten, werden gerade von konservativer Seite als „Fehlentwicklungen“ bewertet. Gemeint sind sogenannte neue soziale Bewegungen, die 68er und in der Folge das, was heute (oft abgrenzend) als „grün“ oder „woke“ bezeichnet wird – postmoderne Phänomene, die auch als Aufklärung zweiter Ordnung (Aufklärung angewandt auf Prozess und Akteure der Aufklärung) oder horizontale Pluralität betrachtet werden können. Hierzu zählen auch Gender und Postcolonial Studies, die aus der Perspektive älterer Value‑Memes (Blau: „entgegen der göttlichen Schöpfung“; Orange: „pseudowissenschaftlich“) gern als „esoterisch“ abqualifiziert werden. Interessanterweise kommt aus der Warte dieses Value‑Memes (Grün) genau die in diesem Artikel aufgegriffene Kritik an Spiral Dynamics. Gerade weil Spiral Dynamics aus meiner Sicht mittlerweile vom nächstjüngeren Value‑Meme (Gelb) geprägt ist – was in den 1990ern noch nicht der Fall war; die Veröffentlichung von 1996 war noch sehr stark orange durchsetzt[4] –, kann es innerhalb eines vom grünen Value‑Meme geprägten Bewusstseinsraums noch nicht vollständig verstanden werden. Mir ist klar, dass dies nebulös und esoterisch klingen kann. Mir ging und geht es ebenso, wenn ich Beschreibungen über das Wesen eines jüngeren Value‑Memes lese, das ich aus meinem eigenen Erfahrungsraum noch nicht kennengelernt, geschweige denn durchdrungen habe. So geht es mir noch heute mit dem achten Value‑Meme (Türkis), von dem ich nur eine vage Vorstellung habe. Erst recht ist mir schleierhaft, wie sich ein neuntes Meme (Koralle) heute schon definieren lässt, wenngleich gesagt wird, es sei noch gar nicht aufgetaucht. Ab hier wird es – auch für meinen Geschmack – zu esoterisch.
Fußnoten
[1] Vgl. Clare W. Graves, „Human Nature Prepares for a Momentous Leap“, in: The Futurist, 1974.
[2] Vgl. William R. Lee, Huib Warneke, Clare W. Graves: Levels of Human Existence, 2004.
[3] Vgl. Don Edward Beck, Christopher C. Cowan: Spiral Dynamics: Mastering Values, Leadership, and Change, 1996.
[4] Im Gegensatz zu Neuauflagen ist deutlich erkennbar, dass die Autoren das grüne Value‑Meme selbst noch nicht verstanden haben. Donald Trump (damals noch kein US‑Präsident, sondern Immobilien‑Tycoon) wird als Beispiel für „Orange“ genannt. Falls dies jemals zugetroffen haben sollte, ist die Lebensrealität Trumps inzwischen auf „Rot“ regrediert.



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