Der tragische Verrat der Konservativen an der Schöpfung

Wer heute vom Einfluss unseres Lebenswandels auf das Klima spricht, muss sich in bestimmten Kreisen darauf gefasst machen, als Linksgrüner abgestempelt zu werden – bestenfalls als weltfremder Idealist, schlimmstenfalls als Feind des Wohlstands. Das ist bemerkenswert. Nicht wegen der Unverschämtheit der Behauptung, sondern wegen ihrer historischen Absurdität.

Seit Frühjahr 2026 macht eine Geschichte die Runde: Klimaforscher würden zurückrudern. Das extremste IPCC-Szenario – RCP8.5, bis zu 4,8 Grad Erwärmung – gelte nicht mehr als das wahrscheinlichste. Im Weißen Haus wurde gejubelt: „FALSCH! FALSCH! FALSCH!“

 

Das große Aufatmen und warum es verfrüht ist

 

Seit Frühjahr 2026 macht eine Geschichte die Runde: Klimaforscher würden zurückrudern. Das extremste IPCC-Szenario – RCP8.5, bis zu 4,8 Grad Erwärmung – gelte nicht mehr als das wahrscheinlichste. Im Weißen Haus wurde gejubelt: „FALSCH! FALSCH! FALSCH!“ Die AfD sprach im Bundestag vom „Ende des größten Betrugs der Menschheit, BILD vom „schlimmsten Angst-Szenario, das gestrichen worden sei.

 

Gemach! Klimaszenarien sind keine Prognosen. Sie sind Planungsinstrumente. Das RCP8.5-Szenario wurde vor dem Pariser Abkommen entwickelt, als eine Renaissance der Kohle noch nicht auszuschließen war. Es beschrieb einen extremen Risikopfad, keinen Wahrscheinlichkeitspfad. Dass er heute weniger wahrscheinlich ist, liegt laut Klimaforschern wie Niklas Höhne vom New Climate Institute an einem schlichten Befund: Klimaschutz hat gewirkt. Erneuerbare Energien sind so billig geworden, dass ungebremstes fossiles Wachstum ausgeschlossen werden kann.

 

Was bei dem Wirbel etwas untergegangen ist: Gleichzeitig wurde auch das Best-Case-Szenario gestrichen. Eine Begrenzung auf 1,5 Grad ist nicht mehr erreichbar. Das neue mittlere Szenario – also das, was bei unverändertem Kurs passiert – geht von 2,8 Grad bis 2100 aus. Das neue Worst-Case von 3,5 Grad. Douglas Maraun, Klimaforscher in Graz, bringt es auf den Punkt: „Das Worst-Case-Szenario gilt nicht als unplausibel, weil die Klimaforschung das Klimasystem nicht richtig verstanden hat, sondern weil es nur bei anhaltender großer politischer Dummheit eintreten würde.“ Klimaschutzmaßnahmen jetzt zurückzufahren, brächte uns genau dorthin.

 

Die Erde erwärmt sich seit 2015 nachweislich schneller als in den Jahrzehnten davor. Die Weltmeere steuern 2026 erneut auf einen Wärmerekord zu. Das klingt nicht nach Entwarnung. Aber das Aufatmen ist noch aus einem anderen Grund verfrüht. Denn wer die ökologische Krise auf Temperaturkurven reduziert, betreibt willentliche Vereinfachung – ob aus Bequemlichkeit oder Kalkül, sei dahingestellt.

 

Es geht nicht um Grad. Es geht um alles.

 

Das Konzept der planetaren Grenzen, entwickelt am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, beschreibt neun kritische Belastbarkeitsgrenzen des Erdsystems. Sieben davon sind laut Planetary Health Check 2025 bereits überschritten – eine mehr als im Vorjahr. Neu dabei: die Versauerung der Ozeane.

 

Die sieben überschrittenen Grenzen:

  1. Klimawandel
  2. Integrität der Biosphäre – Artensterben in historisch beispiellosem Ausmaß
  3. Veränderung der Landnutzung – Rodung, Versiegelung, Bodendegradierung
  4. Süßwasserkreislauf – Übernutzung und Verschmutzung von Grund- und Oberflächenwasser
  5. Biogeochemische Kreisläufe – Stickstoff- und Phosphorüberdüngung, die ganze Ökosysteme kollabieren lässt
  6. Menschengemachte Substanzen – Plastik, Chemikalien, radioaktive Stoffe
  7. Ozeanversauerung – seit der Industrialisierung ist der pH-Wert der Meere um 0,1 Einheiten gesunken, eine Zunahme der Versauerung um 30 bis 40 Prozent

Johan Rockström, Direktor des PIK, formuliert es nüchtern: „Mehr als drei Viertel der lebenswichtigen Erdsystem-Funktionen befinden sich nicht mehr im sicheren Bereich. Flügelschnecken – wichtige Nahrungsgrundlage für Fische und Wale – zeigen bereits Schalenschäden. Kaltwasserkorallen werden in Jahren zerstört, für deren Wachstum Jahrtausende nötig waren. Böden verlieren ihre Fruchtbarkeit. Süßwassersysteme kollabieren. Das ist kein grün-ideologisches Narrativ. Das ist Erdsystemwissenschaft. Und es ist, wenn man die Begriffe ernst nimmt, ein durch und durch konservatives Problem: Das Gewachsene, das Überlieferte, das Vorgefundene wird in historisch beispiellosem Tempo zerstört. Wer das nicht als Skandal empfindet, hat den Begriff des Konservatismus seiner Substanz beraubt.

 

Eine ungemütliche Genealogie

 

Am 11. und 12. Oktober 1913 versammelten sich auf dem Hohen Meißner Lebensreformer, Wandervogel-Bewegte und Mitglieder alternativer Studentenverbindungen. Kein linkes Spektakel, sondern ein zutiefst romantisch-konservativer Aufbruch gegen den Fortschrittsrausch der Gründerzeit. Der Graphologe und Metaphysiker Ludwig Klages hielt dort ein Grußwort, das zur Legende wurde: „Die Natur kennt keinen Kampf ums Dasein, sondern nur den aus der Fürsorge für das Leben. … Wo aber der Fortschrittsmensch die Herrschaft antrat, deren er sich rühmt, hat er ringsum Mord gesät und Grauen des Todes.“ Klages' Kritik war keine sozialpolitische – sie war zivilisationskritisch. Die Zerstörung der Natur als Symptom einer fundamentalen Entfremdung des Menschen von sich selbst.

 

1947 warnte Anton Metternich, ehemaliger Auslandskorrespondent der Kölnischen Zeitung und vormaliger Landrat, vor der Versteppung Deutschlands, vor einem künftigen Kampf um Wassernutzung, vor der Vernichtung fruchtbaren Bodens durch Erosion. 1962 erschien Rachel Carsons Silent Spring – auf Deutsch Der stumme Frühling –, das die Auswirkungen von Pestiziden und Herbiziden für ein weltweites Massenpublikum schilderte und zur Keimzelle der modernen Umweltbewegung wurde. 1969 warnte UN-Generalsekretär U Thant, die Mitglieder der Staatengemeinschaft hätten noch etwa ein Jahrzehnt, um ihre alten Streitigkeiten zu vergessen und den menschlichen Lebensraum zu verbessern – sonst würden die Probleme „derartige Ausmaße erreicht haben, daß ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt.“  Das Zitat zierte 1972 den Bericht des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums.

 

Im deutschen Bundestag mahnte 1970 der CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl, die Gleichsetzung von Wohlstand mit wachsendem Konsum töte Erde, Luft und Ozeane: „Wenn wir es so weiterlaufen lassen, meine Damen und Herren, dann werden wir uns bald in einem Stadium der Selbstausrottung befinden, die einer atomaren Katastrophe gleichkommt.“  Fünf Jahre später erreichte er mit Ein Planet wird geplündert ein Millionenpublikum. Republikanische US-Präsidenten unterzeichneten Umweltgesetze und beriefen Naturschützer in ihre Kabinette. Der Schutz der Schöpfung war, wenn man so will, Konsens.

 

Was war das eigentlich, konservative Ökologie?

 

Konrad Lorenz, österreichischer Zoologe und Nobelpreisträger, beschrieb 1973 acht „Todsünden der zivilisierten Menschheit: Übervölkerung, Verwüstung des natürlichen Lebensraums, rasende Beschleunigung aller gesellschaftlichen Prozesse, schrankenlosen Hedonismus. Was Lorenz umtrieb, war keine Klimapolitik – es war Zivilisationskritik aus konservativem Geist. Die Entfremdung des Menschen von seiner biologischen Natur, der „naturgewollte Wogengang der Kontraste von Freud und Leid, der „verebbt in unmerklichen Oszillationen namenloser Langeweile.“  Das klingt nicht nach Greta Thunberg. Das klingt nach Schopenhauer.

 

Herbert Gruhl unterschied sich inhaltlich kaum von dem, was heute unter Klimaaktivismus subsumiert wird. Er war bis 1977 Vorsitzender des BUND, gründete nach seinem CDU-Austritt die Grüne Aktion Zukunft und schließlich die ÖDP, weil seine wertkonservativen Positionen in der immer linkeren Grünen-Partei keinen Platz mehr fanden. In seiner letzten Veröffentlichung schrieb er: „Der Mensch kommt aus der Industriegesellschaft, die eine Gesellschaft zur Bestattung der Erde ist, nicht mehr heraus.“  – Kulturpessimismus im besten, vielmehr ernstesten Sinne.

 

Der britische Philosoph Roger Scruton legte 2013 vielleicht den intellektuell redlichsten Ansatz konservativer Ökologie vor. Er wandte sich gegen schwerfällige supranationale Bürokratien und setzte auf Lokalismus, Bürgerverantwortung und die Pflege jener homöostatischen Systeme, die Märkte, Traditionen und zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse nun einmal sind. Schöpfungspflege als Heimatschutz, gewissermaßen. Scruton war dabei ehrlich genug, die Grenzen seines eigenen Modells zu benennen: Was, wenn Märkte und Geopolitik die Kosten unseres Tuns jenen aufbürden, die sie nicht verursacht haben? Und er richtete sein schärfstes Urteil gegen den technokratischen Konservatismus, der utopisch auf neue Technik setzt, statt schlicht die Natur zu bewahren: „Es ist ein Optimismus, der dem Konservatismus nicht ansteht.

 

Auch der Vordenker der Neuen Rechten Alain de Benoist fordert in einer 2024 im Junge Freiheit Verlag erschienen Publikation, es sei höchste Zeit für eine Abkehr von blindem Technikglauben und Konsumfetisch, eine Rückbesinnung auf Werte, die nicht der Markt bestimmt.

 

Wann genau wurde der Verrat beschlossen?

 

Helmut Kohl entzog Gruhl die umweltpolitische Sprecherfunktion. Kein dramatisches Ereignis, keine große Rede, keine Zäsur – es war eine von zahllosen kleinen Entscheidungen, mit denen Parteien ihre inhaltliche Richtung justieren, ohne es offiziell zu erklären. In den USA verlief der Bruch ähnlich unspektakulär: Als Umweltmaßnahmen die Transformation ganzer Industriezweige drohten, kehrte die Republikanische Partei unter Newt Gingrich dem mühsam ausgehandelten Kompromiss zwischen ökologischen und sozialen Notwendigkeiten den Rücken. Die Historikerin Ella Müller hat nachgewiesen, dass dies kein Selbstläufer war, sondern das bewusste Ergebnis von Weichenstellungen unter maßgeblichem Einfluss der Fossillobby. Aus Politik wurde Kulturkampf. Umweltschutz laufe dem American Way of Life zuwider. Eine Behauptung, die man sich heute – angesichts der Brände, Dürren und Fluten, die vorrangig konservativ abstimmende Wahlbezirke heimsuchen – lieber zweimal überlegt.

 

Der Kommentator Nils Markwardt hat diese Entwicklung auf eine knappe Formel gebracht: Zeitgenössische Konservative seien oft keine Wertkonservativen mehr, sondern bloße Strukturkonservative. Es gehe ihnen nicht mehr um die wertorientierte Bewahrung von Traditionen und Lebensgrundlagen, sondern um die Aufrechterhaltung von Machtpositionen und Privilegien. Er spricht von Werten, meint aber Interessen.

 

Was bleibt

 

Roger Scruton hat es gesagt. Herbert Gruhl hat es gelebt. Konrad Lorenz hat es beschrieben. Was der heutige Konservatismus daraus gemacht hat, ist eine Politik der Interessenwahrung im Gewand der Wertepflege – und ein Jubel über vermeintliche Entwarnung, der mehr über die Jubelenden aussagt als über das Klima.

 

Die Hoffnung, die das PIK dennoch formuliert, ist real: Die Ozonschicht hat sich erholt, weil die Staaten der Welt gehandelt haben. Der Rückgang der Luftverschmutzung durch Aerosole beweist, dass politischer Wille Realität verändern kann. Klimaschutz hat das schlimmste Szenario unwahrscheinlicher gemacht. Es geht also. Es hat sogar schon funktioniert. Aber dafür braucht es Konservative, die ihren eigenen Begriff ernst nehmen. Die Erde ist nicht unser Eigentum. Sie ist unser Erbe. Und wer von Erbe spricht, der meint Verantwortung – nicht Verwertung.

 

Dieser Artikel stützt sich auf Forschungsergebnisse des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Planetary Health Check 2025) und die Faktenchecks des ARD-Faktenfinders zur Debatte um die IPCC-Klimaszenarien (Mai 2026). Weiterhin finden sich Auszüge aus der Veröffentlichung Die Sache mit der Nachhaltigkeit – Warum der Mensch sich so schwer damit tut.

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