Irgendwo in Santiago de Chile sitzt ein Rentenfondsverwalter und berechnet die Rendite von Bergbauanteilen. Das Mineral gehörte einmal einem Berg, der einer Gemeinschaft gehörte, die dem Berg gehörte. Heute steht in der Verfassung, dass es einem Unternehmen gehört. Der Mensch, der es aus dem Boden bricht, besitzt ein kleines Konto mit einem kleinen Guthaben, das ihm gehört, weil José Piñera in den 1980ern fand, das sei Freiheit.
Piñera hat an der Harvard University studiert, kennt Coase und Demsetz, glaubt aufrichtig, dass Eigentum Menschen emanzipiert. Und er hat empirische Belege. Chile wuchs. Die Sparquoten stiegen. Lateinamerika staunte. Der Cato Institute jubelte. Dreißig Länder kopierten das Modell. Nur: die Rentner in Chile protestierten trotzdem. Die Renten reichten nicht. Die Fondsverwalter verdienten prächtig. Der Berg war leer.
Das Recht des ersten Zaunpfahls
Rousseau hat das schon 1755 so beschrieben, dass man es heute nicht besser sagen könnte: Der erste Mensch, der ein Stück Land einzäunte und rief Das gehört mir – der war der eigentliche Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Nicht der erste Häuptling, nicht der erste Priester. Derjenige mit dem Pfahl und dem Strick. Davor gab es die Almende. Die Gemeinweide, den Gemeinwald, das Gemeinwasser. Nicht weil die Menschen damals besonders tugendhaft waren oder von Natur aus kommunistisch. Sondern weil es funktionierte. Jahrhundertelang. In jedem Dorf Europas. Die Einhegungen in England – Enclosures, klingt so harmlos wie ein Gartentor – trieben ganze Generationen vom Land, schufen das Proletariat, füllten die Städte und die Fabriken. Was als Effizienzgewinn der Landwirtschaft gefeiert wurde, war die erste große Enteignung des Kollektivgedächtnisses der Menschheit. Nicht durch einen Tyrannen. Durch einen Federstrich im Parlament.
Elinor Ostrom hat dafür 2009 den Wirtschaftsnobelpreis bekommen. Ihre Botschaft: Gemeinschaften brauchen keine Privatisierung, um nachhaltig mit ihren Ressourcen umzugehen. Sie brauchen Regeln, Vertrauen und den sozialen Druck des Zusammenlebens. Klingt banal. War es auch – für jeden, der je in einem Dorf gelebt hat, in dem man sich kennt.
Was der Buddhismus weiß, das die Ökonomen verdrängen
Karlheinz Brodbeck, Wirtschaftsprofessor und buddhistischer Denker, stellt eine Frage, die in keiner BWL-Vorlesung vorkommt: Was ist eigentlich dieses Ich, das da Eigentum besitzt? Im buddhistischen Weltbild ist das Ich keine feststehende Einheit. Es ist eine Konstruktion, ein Strom von Gedanken, Empfindungen, Reaktionen – Anatta, Nicht-Selbst. Die Neoklassik hingegen baut ihr gesamtes Gebäude auf den homo oeconomicus: ein isoliertes, rationales, nutzenmaximierendes Wesen, das sein Eigentum mehrt, seinen Vorteil sucht und darin seine Freiheit findet.
Das, sagt Brodbeck, ist nicht falsch. Es ist Beschreibung eines Geisteszustands: Gier, Hass, Illusion – die drei buddhistischen Gifte. Die moderne Marktwirtschaft hat diese drei Gifte nicht überwunden. Sie hat sie institutionalisiert, kodifiziert, in Eigentumsrecht gegossen und für alternativlos erklärt. Das klingt nach Esoterik für Leute, die in ihrer Freizeit Räucherstäbchen abbrennen. Ist es aber nicht. Es ist eine ernsthafte philosophische Kritik an einer Grundannahme, die nie bewiesen, sondern nur behauptet wurde: dass das Ich, das besitzt, ein stabiles, kohärentes, freies Subjekt ist. Dabei weiß jeder Therapeut, jeder Pfarrer, jeder Mensch, der einmal ernsthaft gescheitert ist: Besitz kann auch Gefängnis sein.
Die Meadows-Frage
1972 legten Dennis und Donella Meadows ihre Studie vor. Nicht die Natur sei eine Gefahr für den Menschen – umgekehrt sei der Mensch die Gefahr für die Natur. Fünfzig Jahre später wurde diese Studie mehrfach aktualisiert. Der reale Verlauf der Weltwirtschaft folgt dem Szenario, das damals als Warnung gemeint war. Der Kollaps ist nicht abgewendet. Er ist nur noch nicht vollständig eingetreten.
Piñeras Modell setzt unbegrenztes Kapitalwachstum voraus. Aber: 96 Prozent der gesamten Säugetiermasse auf dieser Erde bestehen aus Menschen und ihrem Nutzvieh. Vier Prozent sind wildlebende Tiere. Eine Million Arten stehen auf der roten Liste. 33 Prozent der globalen Böden sind degradiert. Das sind keine linksgrünen Fantasiezahlen, sondern FAO- und IPBES-Berichte, die von Regierungen in Auftrag gegeben wurden.
Man kann das alles ablehnen. Man kann sagen, Wachstum löst mehr Probleme, als es erzeugt. Man kann auf Entkopplung hoffen, auf grüne Technologien, auf die unsichtbare Hand. Nur: Diese Hand ist seit 250 Jahren dabei, ihre eigene Grundlage zu untergraben. Irgendwann hält sie nichts mehr.
Wem gehört das Problem?
Das eigentliche Dilemma ist kein ökonomisches. Es ist ein kognitives. Piñeras Welt misst Fortschritt in Sparquoten und BIP. Brodbecks Welt misst in Leidensvermeidung und kollektiver Einbettung. Meadows' Welt misst in planetaren Kipppunkten. Diese drei Messlatten zeigen auf dieselbe Wirklichkeit und erzählen drei verschiedene Geschichten. Keine ist falsch. Aber zusammen ergeben sie ein Bild, das keine einzelne erzählen kann.
Was bleibt, ist eine unbequeme Wahrheit: Die Sesshaftwerdung des Menschen war der Beginn einer enormen zivilisatorischen Leistung – und zugleich der erste Schritt einer langen Entfremdung. Die Entfremdung von der Erde, die er einzäunte. Von den Nachbarn, denen er den Wald wegnahm. Von sich selbst, der er fortan definiert wurde durch das, was er besaß, nicht durch das, was er war.
Das ist keine romantische Kritik am Fortschritt. Es ist die Frage, ob wir den Fortschritt auf Dauer bezahlen können, und mit wessen Geld.
Der Zaunpfahl steht noch
In den chilenischen Anden gibt es Gemeinden, die Generationen lang kollektiv Wasser bewirtschafteten. Dann kamen die Eigentumsrechte. Dann kamen die Investoren. Dann kamen die Anwälte. Die Gemeinschaft verlor. Die Bilanz des Investors sah besser aus. Für eine Weile.
Piñera hat das geglaubt, was viele glauben: dass Eigentum Menschen Würde gibt. Das stimmt – unter bestimmten Bedingungen, in bestimmten Kontexten, für bestimmte Menschen. Aber Eigentum als universales Befreiungsversprechen, losgelöst von ökologischen Grenzen und sozialer Einbettung, ist nicht Freiheit. Es ist die Illusion davon, solange der Berg noch trägt.
Der erste Mensch mit dem Zaunpfahl dachte vermutlich, er sichere seiner Familie die Zukunft. Das stimmte. Für seine Familie. Für eine Zeit lang.
Dass wir heute auf einem Planeten leben, auf dem dieser Zaunpfahl in jeden Quadratmeter Erde, jeden Tropfen Wasser und jede Frequenz des Funkspektrums eingerammt wurde – das ist nicht die Konsequenz menschlicher Freiheit. Das ist die Konsequenz menschlicher Kurzsichtigkeit. Und beides gleichzeitig. Das ist das Problem.
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