Von einem, der den Ulf Poschardt rückwärts lebt

Es war einmal ein Antiwoker. Der lebte in der DDR. Er hörte West-Radio. Es muss wohl Mitte der achtziger Jahre gewesen sein. Da wurde ein Café in West-Berlin vorgestellt und von einem Treffen „an der gelben Wand“ gesprochen. Es handelte sich um ein Schwulen-Café. Der Anti-Woke dachte sich, das ist doch nicht normal. Schwulsein ist doch krank. Wieso wird denn dafür hier im Radio Werbung gemacht? Später sah er den Film „Beverly Hills Cop“, in denen der ständig lachende Eddie Murphy alle möglichen Männer umarmte und „Bruder“ nannte. Da dachte er sich, sind denn jetzt alle schwul im Westen, was ist denn da los? Dann gab es immer mehr schwarze Musik in den Charts. Nicht dass er etwas gegen Schwarze gehabt hätte, aber irgendwie sehnte er sich nach der weißen New Wave Musik der frühen Achtziger zurück. In der Wendezeit hatte er im Lehrlingswohnheim einen rechten Mitbewohner, der sich zwar die Reichskriegsflagge über das Bett hing, aber gerne Black Music hörte. Sein Argument: „Sehe es doch mal so: Die Neger machen für uns die Musik!“

 

Siemens AG 1991
Siemens AG 1991

Nach der Deutschen Einheit fand er sich bei einem Projekt des Deutsch-Französischen Jugendwerks wieder. Ein Multikulti-Straßenfest sollte gestemmt werden. Jeder sollte sich zu Beginn vorstellen und weil nicht jeder deutsch konnte, sollte man seinen Namen mit einer typischen Geste präsentieren. Beim Abendessen machte eine Französin seine Geste nach, aber nicht so, wie er es gern gesehen hätte. Sein Kommentar „Ihr verdreht immer alles.“ Ein anwesender Dichter hinterfragte freundlich seine Formulierung: Ihr? Nein, nur ein Mädchen. Immer? Nein, nur dieses eine Mal. Alles? Nein, nur diese Geste. Das konnte ja noch heiter werden, dachte er sich. Bei der Projektbesprechung machte sich einer der Theater-Futzis über seine proleten-berlinische Aussprache lustig. Ein paar Monate später drohte dieser Theater-Futzi sogar damit, eine geplante London-Reise zu boykottieren, für die er mit seinem Kompagnon eine Performance im Barbican Centre konzipiert hatte. Die ganze Veranstaltung sei „kommerzieller Brei“ und würde dessen künstlerischen Ansprüchen nicht genügen.

 

Lade Klub 1992
Lade Klub 1992

Als in seinem Umfeld immer mehr Vegatarier auftauchten, wurden statt Würste und Steak auch Gemüse, Halloumi und Grünkern-Buletten gegrillt. Er machte dann immer den Scherz, wenn nach vegetarischen Würsten gefragt wurde, dass die alle vegetarisch seien, denn da seien Gewürze drin und die sind auf jeden Fall vegetarisch. Bei nächtlichen Club-zu-Club-Gängen wurden Zwischenstopps an Imbissbuden gemacht. Stets war auch eine Frau dabei, die zum Besten gab, dass sie Lust auf einen „schönen frischen Salat“ hätte. Seine Entgegnung folgte prompt: „Und ich habe Lust auf einen richtig knusprigen Goldbroiler“. Militant und lästig waren die meisten Vegetarier oder Veganer nie, es sei denn, sie waren Anhänger von Steven Patrick Morrissey und hatten das Bedürfnis, Fleischesser als Tierquäler vorzuführen. Und jetzt darf der Anti-Woke noch nicht mal mehr sagen „Ich kann dir gerne dabei helfen, deinen Schwerbehindertenausweis zu beantragen“, wenn sich jemand demonstrativ respektlos albern und provokant mit Dumpfbacken-Geräuschen aufführt. Jetzt ist das auch schon Ableismus. Aber bestimmte Leute kann man doch nur wirksam in die Schranken weisen, indem man sie als „Behinderte“ bezeichnet, oder?

 

Antwerpen 1993
Antwerpen 1993

In den Neunzigern und frühen Nullerjahren ging ihn dieses überhebliche Cutting-Edge-Gequatsche von Szenemagazinen, Ulf Poschardt-Trendglossen und Programmheften wie dem Berliner Stadtmagazin 030 auf den Zeiger. Ob Musikrichtung, Klamotten oder Clubs: keine Differenzierung konnte nicht noch schärfer gezogen werden, um zu markieren, wer dazugehört und wer nicht. Als Heteronormalo ohne Modefimmel oder „Party-People-In-The-House-House-House“-Visage blieben die Türen von 90 Grad, Cookies und Kings-Club versperrt.

Niederschönhausen 1991
Niederschönhausen 1991

2006 kam der Turn: Deutschland trug die FIFA-Weltmeisterschaft aus und plötzlich sah man in Berlin Menschen auf der Straße, die sich zuvor nie außer Haus oder Büroarbeitsplatz gezeigt hatten. Junge Menschen, die so gar nicht nach 030, Flyer und „Party-People-In-The-House-House-House“ aussahen. Blasse Mädchen mit rosafarbenen Söckchen und Kräuselkragen, die man vielmehr im Hinterzimmer einer abgelegenen Kirchgemeinde von Niedersachsen vermutet hätte, als im Zentrum von Arm-Aber-Sexy-City, standen beim Halbfinalspiel im Prater neben ihm und sangen mit schwenkenden Fahnen „Deútschlánd – Déutschlannd – Déutschlánd – Deutschlánd“ – völlig ironiefrei! Dann stehend im Chor die Hymne. Als die Spiele zu Ende waren und die vielen kurzzeitig sichtbaren Mainstream-Menschen wieder aus dem Stadtbild verschwanden, sprach man zwanzig Jahre lang vom Sommermärchen. In der Tat unwirklich war das Ganze. Heute verteidigt er sein Land inbrünstig gegen Meckerer und Miesmacher jeglicher Couleur. Missstände seien menschen- und nicht regierungsgemacht. Punkt. Aus. Ruhe. Zwischendurch war der Anti-Held dieser Geschichte eine Weile ein Libertärer, aber das würde an dieser Stelle nur verwirren.

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