Der Satz fällt an Stammtischen, in Kommentarspalten, im ganz normalen Alltag zwischen Tür und Angel. Er entlädt Frust, Ohnmacht, Angst. Aber was geht da eigentlich „den Bach runter“ – und wer oder was ist überhaupt „der Staat“, der da verflucht wird?
Wenn Menschen sagen, „alles geht den Bach runter“, dann meinen sie oft ein Bündel aus wirtschaftlicher Unsicherheit, Sorge um die Rente, das Gefühl, „nicht mehr mitzukommen“, zu wenig Personal in Kitas, Schulen, Pflege, Wartezeiten bei Ärzten, ein Gesundheitssystem am Limit, Streit um Migration, Identität, Klimaschutz, die Wahrnehmung einer auseinanderdriftenden Gesellschaft, das Gefühl, dass „die Politik“ sowieso auf dem Ohr taub ist und sich nichts zum Besseren wendet. Viele Menschen erleben ihre Lebenswirklichkeit als bedrohlicher, unsicherer, komplizierter als noch vor einigen Jahren. Die Preise steigen, die Mieten explodieren, die Infrastruktur wirkt marode, der Ton in der Gesellschaft wird rauer. Dazu kommen globale Krisen, die sich in den Alltag hineinfräsen: Kriege, Klimakrise, Lieferketten, Energiepreise, Digitalisierung, die das Arbeitsleben auf den Kopf stellen.
Es ist realer Frust. Aber hilft es, diesen auf einem diffusen „scheiß Staat“ zu richten? Ist die Politik Ursache oder Projektionsfläche? Natürlich hat Politik Einfluss auf all das. Gesetze, Steuern, Förderprogramme, internationale Abkommen – sie gestalten Rahmenbedingungen, in denen wir leben. Viele Entwicklungen sind jedoch langfristig, global und komplex: Wirtschaftliche Krisen entstehen aus einem Zusammenspiel von globalen Märkten, technologischen Umbrüchen, geopolitischen Konflikten – nicht nur, weil ein Kabinett eine bestimmte Entscheidung trifft.
Die Demographie, also Altersstruktur und Bevölkerungsentwicklung, verschiebt sich über Jahrzehnte. Sie ist Ergebnis von Geburtenraten, Lebenserwartung, Lebensentwürfen – nicht von einer einzelnen Gesetzesreform. Migration wird durch Kriege, Armut, Klimafolgen und globale Ungerechtigkeit mitbestimmt. Nationale Politik kann steuern und gestalten, aber sie kann wohl kaum die Mobilität von Menschen im Ausland wirklich wirksam stoppen. Politik trifft Entscheidungen – gute, schlechte, mutige, feige. Aber sie bewegt sich in einem Geflecht aus globalen Sachzwängen, wirtschaftlichen Interessen, gesellschaftlichen Konflikten und rechtlichen Grenzen. Wer so tut, als gäbe es irgendwo einen einfachen Hebel, den man nur umlegen müsse, um alles zu reparieren, bedient eine Illusion.
In vielen Debatten werden Migration, Wirtschaft und Demographie gegeneinander ausgespielt. Mal sei Migration die Mutter aller Probleme, mal breche ohne Zuwanderung die Wirtschaft zusammen. Die Wahrheit ist, wie so oft, komplizierter: Deutschland altert. Viele Jahrgänge gehen in Rente, zu wenige junge Menschen rücken nach. Das belastet Rentenkasse, Gesundheitssystem und Fachkräfteangebot. Das ist kein politischer Tagesfehler, sondern eine lang bekannte Entwicklung. Eine alternde Gesellschaft braucht Pflege, medizinische Versorgung, Infrastruktur – und gleichzeitig werden Arbeitskräfte knapper. Die Wirtschaft ruft nach Fachkräften, nach Innovation, nach Menschen, die arbeiten, entwickeln, pflegen. Zuwanderung kann helfen, dem demographischen Wandel zu begegnen, bringt aber auch Integrationsaufgaben mit sich: Sprache, Bildung, Arbeitsmarktintegration, gesellschaftliche Teilhabe. Wer daraus nur Bedrohung oder nur Heilsversprechen macht, blendet die Realität aus.
Derzeit sieht es so aus, als hätten die Kräfte von Rechts klar die Hoheit gewonnen: Im wichtigsten Land des Westens, den USA, sind Trump, Vance und deren Hintermänner Thiel & Co. dabei, die Gesellschaft grundlegend auf Dark Enlightenment zu bürsten. In Europa werden Italien, Ungarn und die Slowakei maßgeblich sowie Finnland, Kroatien und Tschechien rechts mitregiert. In Frankreich, Großbritannien, Österreich und Deutschland ist es mittelfristig sehr wahrscheinlich und Putins Info-War massiert bereits seit mehr als fünfzehn Jahren die Hirne vieler Europäerinnen und Europäer.
Bei aller Unterschiedlichkeit lassen sich folgende Übereinstimmungen festmachen: Horizontale Pluralität (vulgo: Wokeness) wegrasieren, Migration schrittweise resetten, alle Hindernisse für eine anarchokapitalistische Oligarchenwirtschaft schleifen. Das bedeutet: Maximierung der Wirkungskreise der (vermeintlich) Starken, während die Verantwortungskreise nach dem Motto „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt, Naturgesetze interessieren mich nicht“ in den Wind geblasen werden. Kollateralschäden können freimütig dem Feind in die Schuhe geschoben werden. Menschen werden zu Sündenböcken gemacht, weil sie migriert sind, anders aussehen, anders glauben. Gesellschaftliche Solidarität bröckelt, Gewaltbereitschaft steigt. Komplexe Krisen werden nicht ernsthaft bearbeitet, weil man lieber Feindbilder bedient als Lösungen erarbeitet.
Wer den Verantwortungskreis verengt, entlastet den Einzelnen von Mitverantwortung – und zementiert genau die Strukturen, die er vorgibt zu bekämpfen. „Der Staat“ ist nicht eine homogene, böswillige Figur, die morgens aufsteht und darüber grübelt, wie sie den Bürgern heute das Leben schwer macht. Er ist ein Geflecht aus Institutionen, Gesetzen, Verfahren – und aus Sachbearbeiterinnen, Polizisten, Erzieherinnen, Richter, Pflegekräfte in öffentlichen Kliniken, Verwaltungsangestellte. Man kann und muss diese Strukturen kritisieren: zu langsam, zu bürokratisch, zu wenig bürgernah, zu wenig transparent. Aber wenn aus Kritik eine pauschale Verachtung wird, trifft sie am Ende diejenigen, die versuchen, dieses System am Laufen zu halten.
Und ja, Politikerinnen und Politiker machen Fehler, verschieben unangenehme Entscheidungen, taktieren für Wahlen. Kritik ist notwendig, manchmal auch scharf. Aber gleichzeitig gilt: Kaum eine Berufsgruppe steht so unter Dauerbeschuss wie politische Mandatsträger. Sie erhalten Drohungen, Hassmails, erleben Angriffe im öffentlichen Raum. Ihre Arbeit findet unter dem Brennglas statt – jeder Satz, jede Geste kann ausgeschlachtet werden. Muss nun wirklich auch noch ich nachtreten? Trägt mein Spott, mein Zynismus, mein pauschales „alle korrupt“ zur Verbesserung bei – oder nur zum allgemeinen Klima der Verachtung? Demokratie lebt von kritischen Bürgerinnen und Bürgern – aber sie stirbt an pauschalem Hass auf „die Politik“.
In einer vernetzten Welt ist fast jeder Mensch auch ein kleines Medienhaus. Mit einem Post, einer Sprachnachricht, einem Kommentar können wir Inhalte tausenden anderen zugänglich machen. Damit wächst die Verantwortung des Einzelnen: Welche Inhalte verbreite ich weiter? Prüfe ich, ob sie stimmen? Wie rede ich über andere Menschen – über Migranten, Politiker, Beamte, Prenzlauer-Berg-Schwaben? Welche Bilder male ich in die Köpfe anderer? Jede pauschale Herabwürdigung, jedes „die sind alle so“, jede Entmenschlichung ist ein kleiner Beitrag zu einer toxischen Stimmung, in der Gewalt – verbal wie physisch – wahrscheinlicher wird.
Die psychologische Gesamtstimmung einer Gesellschaft ist nicht einfach da. Sie entsteht aus Millionen alltäglicher Äußerungen, Reaktionen, Witze, Übertreibungen, Posts. Wer immer wieder sagt, „dieser scheiß Staat geht den Bach runter“, verstärkt ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Kontrollverlust. Ein Klima, in dem alles als „sowieso verloren“ gilt, ist ein idealer Nährboden für radikale, autoritäre „Lösungen“. Unsere Sprache formt nicht nur Meinungen, sie prägt auch Gefühle. Wenn wir permanent in Untergangsbildern reden, entsteht eine Atmosphäre aus Angst, Wut und Zynismus. Diese Stimmung hat Konsequenzen: Menschen ziehen sich zurück, engagieren sich weniger, weil „das eh nichts bringt“. Misstrauen wächst – gegenüber Institutionen, Medien, Wissenschaft, aber auch gegenüber Nachbarn. Eine Gesellschaft, die sich selbst ständig einredet, sie sei „am Ende“, macht es Trumpisten leicht – und lösungsorienter Politik schwerer, als es ohnehin schon ist.
Kritik an Politik und Institutionen ist notwendig. Sie sollte präzise sein, faktenbasiert, hart in der Sache, aber ohne pauschale Entmenschlichung. Wer wirklich Veränderung will, braucht mehr als Beschimpfungen: Er braucht die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen – mit Politikerinnen und Politikern, mit Verwaltungen, mit der Wirtschaft und mit allen anderen Bürgerinnen und Bürgern. Eine Sprache, die Probleme klar benennt, ohne permanent apokalyptische Bilder zu bedienen, kann Mut machen: Wir haben Schwierigkeiten, ja. Aber wir sind nicht ohnmächtig. Wir können gestalten, diskutieren, Entscheidungen beeinflussen, Druck ausüben – und dabei dennoch anerkennen, dass nicht alles einfach ist.
Frust ist legitim. Wut ist legitim. Es ist verständlich, bei all den Krisen manchmal das Gefühl zu haben, dass „alles den Bach runtergeht“. Der entscheidende Punkt ist: Was machen wir mit diesem Gefühl? Verwandeln wir es in pauschale Verachtung, in Slogans, in Beschimpfungen: „die da oben“, „die Ausländer“, „die Grünen“, „die Konzerne“? Dann ziehen wir unseren Verantwortungsradius so klein wie möglich. Das gibt kurzfristig Entlastung, aber langfristig verstärkt es Ohnmacht und Spaltung. Oder erkennen wir unsere eigene Rolle an. Nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Mitverantwortung: Ich wähle, ich engagiere mich – oder eben nicht. Ich kann mich informieren, widersprechen, nachfragen. Ich entscheide, wie ich über andere Menschen rede. Ich bestimme, welchen Ton ich in Diskussionen anschlage. Ich bin Teil der psychologischen Gesamtstimmung, die ich täglich mitproduziere.
Die Frage ist daher nicht nur: „Was läuft schief in diesem Staat?“ Sondern auch: „Welchen Beitrag leiste ich – mit meinen Worten, meinen Taten, meinem Umgang mit anderen – dazu, dass es besser oder schlechter wird?“ Die Antwort darauf liegt nicht in Berlin oder Brüssel, sondern bei jedem einzelnen von uns.
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